Desaster, Drama, Dopamin – Jenaer Achterbahnfahrt gegen Heidelberg sichert Klassenerhalt
Es ist geschafft... und wie. Mit einem 81:79-Sieg nach Verlängerung sicherte sich Science City Jena im letzten Heimspiel der Saison am Donnerstagabend vorzeitig den Klassenerhalt in der easyCredit BBL. Das Team von Mike Taylor bezwang die MLP Academics Heidelberg vor 3125 Zuschauern nach einer Achterbahnfahrt der Gefühle und gastiert nun ohne Druck am Sonntagnachmittag in der Berliner Max-Schmeling-Halle.
Trotz eines desaströsen 5:22-Startviertels sowie einer zwischenzeitlichen Heidelberger 30:50-Führung (21.) blieben die Thüringer stabil genug, um den dramatischen Spielverlauf in der Crunchtime zu drehen, bevor die fünfminütigen Overtime bei einem Großteil der ausverkauften Sparkassen-Arena für einen massiven Dopamin-Ausstoß sorgte. Von Joe Wieskamp als Topscorer mit 19 Punkten angeführt, war es der anschließend zum MVP der Saison gekürte Flügelspieler, der 18.7 Sekunden vor dem Ende der Verlängerung mit seinem Dreier zum 80:77 für den entscheidenden Neckbreaker sorgte.
Mit dem Ticket einer weiteren Erstliga-Saison im Gepäck gastieren die Thüringer bereits am Sonntag um 16.30 Uhr zum Abschluss des regulären BBL-Spieljahres bei ALBA Berlin.
Carlo Finetti (Headcoach MLP Academics Heidelberg): „Wir sind wirklich traurig. Mehr kann ich im Moment dazu nicht sagen. Wir haben das Spiel wahrscheinlich am Ende des dritten Viertels verloren, als wir statt mit 18 Punkten Vorsprung nur mit 13 Punkten Vorsprung in die Pause gingen. Dann ging es am Ende des vierten Viertels und in der Verlängerung natürlich nur noch um einzelne Spielzüge und darum, welche Mannschaft als Erste die Führung übernehmen konnte. Das ist alles, was ich dazu sagen kann. Ich denke, 34 Minuten lang haben wir besser gespielt als Jena, aber am Ende gehen wir hier mit einer Niederlage vom Platz. Wenn man verliert, muss man dem Gegner gratulieren. Ich wünsche ihnen viel Glück. Jetzt haben wir das letzte Heimspiel, wir wollen vor unseren Fans mit der richtigen Einstellung und der richtigen Mentalität abschließen.“
Mike Taylor (Headcoach Science City Jena): „Ich bin sehr stolz auf unsere Jungs und diesen wichtigen Sieg zum Klassenerhalt. Es war ein enorm hart umkämpftes Spiel, in dem wir einen schlechten Start kompensieren konnten und uns im Verlauf der zweiten Hälfte zurückgekämpft haben. Mein Respekt geht an meine Spieler, vor allem aber auch an unsere Fans, die unser Team heute fantastisch getragen haben. Es ist ein großer Tag für den Jenaer Basketball. Dies war kein einfaches Spiel, aber wir haben bis zum Schluss hart gekämpft und uns den Sieg am Ende verdient. Respekt jedoch auch an Heidelberg, die uns einen großen und bis zum Schluss harten Fight geliefert haben. Auch wenn das heute sicher nicht unser offensiv bester Tag war, konnte man gut erkennen, wie viel Charakter, Herz und Leidenschaft in unserer Mannschaft schlummert, mit dem sich die Jungs den Klassenerhalt heute verdient haben."
Bevor sich im Anschluss des Sieges die Emotionen entluden, hatte sich eine denkwürdige Partie entwickelt, die allen Anwesenden lange im Gedächtnis bleiben wird. Trotz eines Horrorstarts während der ersten zehn Minuten, in denen Science City kümmerliche fünf Punkte gelangen, hatten sich die Gastgeber bis zum 30:43-Halbzeitstand wieder etwas stärker entrunden können. Entgegen aller Hoffnungen auf einen nach der Pause wieder knapper werdenden Schlagabtausch wuchs der statistische Rucksack zunächst jedoch wieder bis auf 30:50 (Ryan Mikesell, Layup). Ungeachtet dieses massiven Rückstands blieben die Thüringer allerdings in der Spur und konterten durch einen Distanzwurf von Lorenz Bank zwischenzeitlich auf 33:50, bevor Will McNair, Jack Pagenkopf sowie Joe Wieskamp auf 40:52 (27.) nachlegten. Für den lautstark umjubelten Schlusspunkt dieses Viertels sorgte Keith Braxton, der mit seinem Dreier parallel zum Viertel-Buzzer auf 47:59 verkürzen konnte. Heidelberg hatte in dieser Phase etliche Möglichkeiten verpasst und die Tür zu einem Jenaer Comeback offengelassen, bevor die Hausherren tatsächlich auf beeindrucke Art und Weise zurückkehrten.
Nachdem Uchenna Iroegbu und Joe Wieskamp das vermeintliche Schlussviertel mit ihren Körben zum 52:59 eröffnet hatten, schrumpfte der Vorsprung der Gäste nun im Minutentakt. Allerspätestens nach einem von Keith Braxton auf Alex Herrera assistierten Alley-Oop-Dunk von zum 54:59 (32.) gab es in der Arena keine Sitzplätze mehr. In einer Atmosphäre wie zu besten Playoff-Zeiten ließen sich auch die Thüringer auf dem Parkett nicht lange bitten und schraubten mit ihren konsequenten Aktionen am Dezibel-Regler. Ein Dunk von Will McNair zum 63:64 hatte die beiden letzten Minuten der regulären Spielzeit eingeleitet, bevor Keith Braxton 86 Sekunden vor Ultimo per Dreier auf 66:66 ausglich. Während Niklas Würzner im Anschluss nur einen seiner beiden Freiwürfe verwandelte, konterte Jenas neuer MVP Joe Wieskamp 53.7 Sekunden vor dem Ende aus der Distanz zur ersten Jenaer Führung der Partie – 69:67. Längst war das Wort „Drama“eine anmaßende Untertreibung für jenes groteske Schauspiel, welches an diesem Abend in Burgau Station gemacht hatte. Mit den dazu passenden Sequenzen bog das Duell in die finalen Sekunden ein. Zunächst blockte Will McNair den Versuch eines Korblegers von Michael Weathers. Allerdings blieben die Baden-Württemberger in Ballbesitz und hatten 41.8 Sekunden vor der Sirene nach einem Foul die Chance auszugleichen. Der gebürtige Heidelberger Niklas Würzner präsentierte sich nervenstark, versenkte beide Freiwürfe zum 69:69 und schickte diesen Hitchcock in die Overtime.
Passend zur Dramatik dieses Duells wechselten sich Führungen und ausgeglichene Zwischenstände während der fünf zusätzlichen Minuten mehrfach ab, gänzlich ohne Rücksicht auf Pulsfrequenzen oder Blutdruckwerte der emotional längst gezeichneten Zuschauer. Einmal mehr war es Jenas „Magic Joe“ Wieskamp, der nach seinem Ausgleich zum 77:77 (43., FTs) seinen MVP-Status untermauerte und 18.7 Sekunden vor dem Ende aus der Distanz zum 80:77 traf. Während der im Anschluss an eine Gäste-Auszeit von Ryan Mikesell versuchte Heidelberger Dreier sein Ziel verfehlte, foulte Keith Braxton 0,7 Sekunden vor Ultimo intuitiv Mateo Seric. Der Academics-Flügel verwandelte seinen ersten Freiwurf sicher, wollte den zweiten Schuss eigentlich ebenfalls verwerfen, doch auch dieser fiel zu seinem Entsetzen durch den Jenaer Ring... und sorgte auf diese unfreiwillig absurde Art für die Entscheidung eines Spiels, welches Science City auch in der Saison 2026/2027 erstklassigen Basketball sichert und den Kardiologen der Region volle Terminkalender garantiert.
Punkteverteilung: Wieskamp 19, Braxton 15, McNair 14, Pagenkopf 8, Herrera 7, Iroegbu 7, Bank 6, Christen 5, Carter, Krause, Franklin – Biel (DNP)
Spielfilm: 1. Viertel 5:22 – 2.Viertel 30:43 – 3. Viertel 47:59 – 4. Viertel 69:69 – OT 81:79


