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Björn Harmsen nach der Hinrunde: Wir haben durchaus Charaktere, die an das Team 2016 erinnern

Seit dem Doppelspiel-Heimspieltag am ersten Januarwochenende 2025 ist die Hinrunde der BARMER 2. Basketball Bundesliga schon wieder vorbei. Unser 112:84-Sieg am vergangenen Sonntag beim Farmteam von RASTA Vechta war bereits der 1. Teil der Rückserie. Wir nutzten die Zeit dazwischen, um uns mit Headcoach Björn Harmsen über die letzten Wochen und Monate zu unterhalten.


Björn, die Hinrunde ist Geschichte, eine überaus erfolgreiche sogar. Hättest Du vor dem Saisonstart mit einer Bilanz von 15:2 Siegen (mittlerweile 16:2) gerechnet bzw. darauf gehofft?


Nun, unser Ziel war es, schon so erfolgreich wie möglich zu sein. In der letzten Saison standen wir zu diesem Zeitpunkt bei 14:3 Siegen. Im Endeffekt haben wir in der Rückrunde noch sieben Spiele verloren und den Heimvorteil eingebüßt. Insofern gebe ich auf die aktuelle Bilanz eher nicht so viel. Am Ende kommt es darauf an, wo wir stehen, um mit der bestmöglichen Ausgangslage in die Playoffs zu gehen.


Kurios, dass es die identische Bilanz der Aufstiegssaison 2015/2016 ist, oder?


Damals hatten wir am Ende nur drei Niederlagen über die ganze Saison gesehen, allerdings waren es auch zwei Mannschaften und somit vier Spiele weniger. Die Liga ist seitdem deutlich stärker geworden und man hat ja am Beispiel Karlsruhe (7. Platz nach der Hauptrunde, am Ende Meister 2024) ganz gut gesehen, dass Teams bis zum 8. Platz nicht unterschätzen werden dürfen. In den Playoffs 2016 war es ja so, dass die keinesfalls leichte 1. Runde gegen Chemnitz dennoch einfacher zu gewinnen gewesen ist, als heutzutage. Zu dem damaligen Zeitpunkt war Chemnitz aber eben auch nicht so stark und wir waren deutlich tiefer besetzt...

 

Wie stark nerven dich persönlich die beiden Niederlagen gegen Trier und Bochum?

 


Die nerven mich trotz des Abstands noch sehr. Auch wenn diese Niederlagen unterschiedlich zustande gekommen sind, haben sie eine Gemeinsamkeit. Wir haben beide Begegnungen eigentlich kontrolliert, lagen gegen Trier mit 21 vorn und haben dann aber taktisch nicht gut agiert. In Bochum haben wir einfach nicht die Energie gebracht, die für einen Sieg erforderlich gewesen wäre. Das hatte sich schon irgendwie in der Trainingswoche abgezeichnet und im Spiel fortgesetzt. Aber da sind mir auch taktische Fehler in der Vorbereitung unterlaufen.


Unabhängig von der Leistung der Gegner, aber war das jeweils erste Viertel in Karlsruhe und gegen Dresden nah dran an 100 Prozent Basketball a la Harmsen?


In Karlsruhe haben wir offensiv sehr gut zusammengespielt, gegen Dresden hat unser Spiel an beiden Enden sehr gut funktioniert. Da haben wir gut und aggressiv verteidigt, zudem hat offensiv unsere Ballbewegung sehr gut harmoniert. Es sind allerdings auch zwei Gegner, die so verteidigen, dass du den Ball selbst gut bewegen musst, um erfolgreich zu sein. Das will unsere Mannschaft auch. Es macht ihr Spaß und diesen sieht man ihr mittlerweile auch immer häufiger an.


Was hat im bisherigen Spieljahr schon ganz gut funktioniert und wo besteht noch Nachholbedarf?


Ich finde beispielsweise sehr gut, dass wir uns gerade bei verschiedenen Aspekten verbessern, keine Stagnation herrscht oder wir Rückschritte machen. Vor allem in der Intensität des Spiels, primär bei der Aggressivität unserer Defense und das schnelle Umschalten im Angriff, sehe ich eine positive Entwicklung. Es ist meiner Meinung nach sehr wichtig, dass man auch während einer Saison Schritte nach vorn macht. Im letzten Jahr gab es einen Zeitpunkt, ab dem wir stagniert haben und nicht mehr besser geworden sind. Das liegt diese Saison mit Sicherheit auch an den Charaktereigenschaften der Spieler, weil sie dieses „Wollen“ mitbringen. Sie kommen schon mit der Einstellung ins Training, wollen den sportlichen Wettbewerb und letztes Jahr war es eher nicht so kompetitiv.


Welches Erlebnis ist dir aus den bisherigen Spielen am eindrücklichsten im Gedächtnis geblieben?


Ich habe mich gefreut, nachdem Jakob (Lang, Anm. d. Red.) seine ersten Spielminuten bekam. Das war beim Auswärtsspiel in Düsseldorf und er hat auch gleich punkten können. Ich habe mich für die Fans gefreut, dass wir es in ein paar Spielen geschafft haben, die Hunderter Marke zu knacken. Generell als schönes Erlebnis aus Sicht des Teams ist mir unser Trainingslager in Kienbaum in Erinnerung geblieben. Das war eine wirklich schöne Woche unter besten Bedingungen und bei tollem Wetter.


Im Verlauf des ersten Teils der Saison gab es – Lorenz, Hauki, Krissi – auch immer wieder verletzungsbedingt Pausen wichtiger Spieler. Ihr habt diese Ausfälle als Team dennoch gut auffangen können. Was ist in dieser Saison anders?


Zunächst finde ich es gut, dass wir es als Team geschafft haben, verletzungsbedingte Ausfälle zu kompensieren. Unser Spiel ist in dieser Saison nicht auf nur ein, zwei Schultern verteilt, insbesondere in der Offensive. Wir hatten ja schon Begegnungen, in denen sieben unserer Jungs in den Double Figures waren. Wir können in der Tiefe, die wir haben, Verletzungen auf jeder Position kompensieren, allerdings nur über ein paar wenige Spiele. Das gilt nicht für einen längeren Zeitraum. Man merkt jetzt schon den Ausfall von Krissi, der uns vor allem auf den kleinen Positionen fehlt. Auch da haben wir es geschafft, einen Weg zu finden, um die Lücke temporär zu schließen. Letztendlich war es in diesem Jahr bisher auch ein Vorteil, dass meist nur ein Spieler ausgefallen ist. In geballter Form würde uns das sicher härter treffen.


Du hast jetzt schon einige Teams während deiner Jenaer Zeit gecoacht. Welches war oder ist nach diesen vielen Jahren dein Lieblingsteam?


Jedes Team war und ist anders. Ich lebe immer im Moment und müsste länger darüber nachdenken, um da eine Wertung vorzunehmen, und selbst dann wird es schwierig. Mir macht beispielsweise unsere Mannschaft in diesem Jahr großen Spaß. Generell ist es im Leben und im Sport so, dass überwiegend positive Dinge in Erinnerung bleiben. In jeder Saison gibt es Spannungen, Höhen und Tiefen. Entscheidend ist, was man daraus macht. Egal ob Konfrontationen, Verletzungen oder Erfolge. So etwas lässt sich meist erst im Rückblick beurteilen und einordnen. Wir haben in diesem Jahr durchaus die Charaktere, die vom Geist her ein wenig an das Team 2016 erinnern. Sie wollen auch im Training hart spielen und immer gewinnen.Wir unterhalten uns dann im Mai oder Juni noch einmal.


Im Verlauf der Hinrunde kam David Fränzle als Assistenztrainer zum Coaching Staff hinzu. Er unterstützt dich und Kendall bei vielen Dingen. Wo macht sich sein Engagement am stärksten bemerkbar?


Wir haben die Verantwortung für die Spieler aufgeteilt. Ich übernehme die Mannschaft im Verlauf der Trainingswoche, speziell was die Taktik betrifft. Kendall kümmert sich um die großen Spieler, David widmet sich unseren Jungs auf den kleinen Positionen und da auch eher den Jüngeren als um den Routiniers. Inklusive Video und der üblichen Zuarbeit gelingt ihm das sehr gut. Kendall und David teilen sich außerdem in die Spielvorbereitung hinein. Kendall kümmert sich mehr um den Angriff des nächsten Gegners, während David die Verteidigung studiert.


Gibt es für dich ein Ritual vor oder nach Spielen, speziell vor und nach Siegen oder Niederlagen?


So etwas habe ich gar nicht. Der Spieltag verläuft meist so, wie er sich ergibt und am besten passt, ganz ohne spezielle Socken, Ketten oder Shirts und Besonderheiten.


Du hattest mal gesagt, dass Du bei Niederlagen schlechter schläfst. Insofern müsstest Du nach der Hinrunde doch eher ausgeschlafen sein, oder?


Nach den beiden Niederlagen habe ich tatsächlich sehr schlecht geschlafen. Das potenziert sich dann auch, wenn man seltener verliert. Generell schlafe ich nach unseren Spielen nicht mehr so gut. Früher bin ich oft sehr schlecht eingeschlafen, konnte dann aber länger schlafen. Mittlerweile kann ich einigermaßen gut einschlafen, wache dafür aber früher auf.


Die Entwicklung von Lorenz und Falko ist nach der letzten, bereits guten Saison auch in diesem Spieljahr spürbar positiv zu bewerten. Wo siehst du bei beiden Jungs ihren Peak?


Das kann man zu Beginn der Karriere junger Spieler nur schwer prognostizieren. Wie schon bei der Frage nach dem Lieblingsteam lässt sich auch die Karriere und der Verlauf eines Spielers am besten rückblickend betrachten. Die Grundvoraussetzungen sind natürlich Talent und Arbeitseinstellung. Trotzdem können andere Faktoren auch eine erhebliche Rolle spielen. Ob Timing, Verletzungen, ob Fragen wie ist die Mannschaft insgesamt aufgestellt, welcher Coach trainiert dich? Das alles hat Einfluss auf den Verlauf einer Kariere. Ich persönlich bin mit beiden gerade sehr zufrieden. Falko hat sich zwar gerade verletzt. Das ist speziell für einen jungen Spieler immer doof, da jeder Tag ein Tag ist, um besser zu werden.

 

Lorenz hat nach seiner Gehirnerschütterung im Februar 2024 lange gebraucht, um seinen Rhythmus zu finden. Die letzten Wochen ging es gut bergauf. Lorenz willst du immer in der Mannschaft haben, weil er ein guter Kerl ist, ein Kämpfer, der jeden Tag im Training Vollgas gibt. Er hatte im letzten Jahr eine extrem steile Kurve vor seiner Verletzung und wurde dann ausgebremst und zurückgeworfen. Man sagt ja immer, so lang ein Spieler raus ist, ebenso viel Zeit benötigt er, um wieder auf das Level zu kommen. Beim Peak kann ich mich nicht festlegen. Ich hoffe aber, so hoch wie möglich. Das wünsche ich unseren beiden Jungs.


Monatelange Tabellenführung, wochenlange Siegesserien, grundsätzlich fällt in einem Team nach viel Erfolg auch hin und wieder mal die Anspannung ab. Gerade in einer so ausgeglichenen Liga wie der ProA kann es passieren, dass ein Spiel auch schnell ins Auge geht. Welche Option hast Du als Coach, um die Mannschaft auf das erforderliche Level zu kitzeln?


In erster Linie gehört es dazu, auch als Trainer jeden Tag an deine Grenze zu gehen und seriös zu arbeiten. Auch wenn Mannschaften komplexe Gebilde sind und komplett unterschiedlich ticken können, gehört Respekt gegenüber deinen Spielern und ihrer Arbeit immer dazu. Du erwartest von ihnen Seriosität und Konzentration, insofern musst du das eben auch selbst vorleben. Wenn du es nicht schaffst, dafür genügend Energie aufzubringen, brauchst du dann evtl. auch mal eine Pause. In der Regel fallen Ansprachen an unterschiedliche Spieler mit unterschiedlichen Charakterzügen ebenso unterschiedlich aus. Das lässt sich also nicht pauschal beurteilen.

 

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